Viky Balasevic – Ohne Titel

bleiwiis 2013 Anerkennungspreis Kat. 2

Mein Handy klingelte, immer öfter, jedes Mal länger. Ich kümmerte mich nicht darum, es war zu weit weg und mein Bett viel zu bequem, es schien ein Magnet aus Schaumstoff und Baumwolle zu sein. Wie lange ich bereits hier drin lag konnte ich nicht mit Sicherheit sagen, in meinem Kopf dominierte Leere. Ich schlief ein und wachte wieder auf, ob dazwischen fünf Minuten oder 12 Stunden lagen war unmöglich zu sagen. Doch es war mir recht. Die letzten Wochen waren erfüllt von Schmerz und Angst, garniert mit zahllosen Tränen. Dem zog ich Apartheit klar vor. Die Leere klärte meinen Kopf während sie ihn gleichzeitig so erfüllte das er zu platzen drohte und mich vollkommen erschöpfte; Müdigkeit und Monotonie waren was mich davon abhielt durchzudrehen. Vielleicht würde ich den Rest meines Lebens im Bett verbringen? So schlimm schien mir diese Vorstellung nicht.
Eine Tür wurde aufgeschlossen. Ob Einbrecher heutzutage Schlüssel benutzen? Wäre doch ganz nett von ihnen, dann muss man nicht die komplette Tür ersetzen. Ich hörte wie Dinge gepackt wurden, Glas klimperte, Blätter raschelten, Schubladen wurden zugeknallt. Es schienen nicht gerade die besten Diebe zu sein, aber was soll`s, ins Wohnzimmer wollte ich so schnell sowieso keinen Fuss mehr setzten. Schritte wurden immer lauter – kamen sie jetzt rauf? Auch gut, im Krankenhaus würde ich nicht mal mehr zum Essen aufstehen müssen.
Die Tür flog auf und ich wurde von einer fluchenden, kleinen Brünetten aus dem Bett gezerrt und über den Boden geschleift. Lena? Ich mochte Lena, nur hatte sie mit mir abgeschlossen als ich mein Leben mit heulen verbrachte. Wollte sie sich jetzt dafür rächen dass ich so viel von ihrer Zeit verschwendet hatte? Für die vielen Nächte die ich weinend bei ihr sass?
Sie warf mir Kleider hin und schrie rum ich soll mich endlich anziehen. Wieso ich es tat weiss ich gar nicht, ich gehorchte einfach. Angezogen stand ich auf und fühlte mich wacklig auf den Beinen; wie lang bin ich den nicht mehr gelaufen? Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit.
Stetig fluchend verfrachtete mich Lena in ihr Cabrio. Sie fuhr wie eine Verrückte über die hügligen Landstrassen. Es war mitten in der Nacht und der Fahrtwind peitschte mir eiskalt ins Gesicht. Es hatte etwas befreiendes, ein Teil des Nebels in meinen Gedanken löste sich und ich atmete tief durch und genoss die frische Luft.
Als sie das Radio anmachte erschrak ich kurz; es war auf die maximale Lautstärke eingestellt und hallte von überall her zurück. Allmählich lichtete sich der Wald durch den wir fuhren, bis er nur noch ein kleines Wäldchen war und schliesslich ganz hinter uns lag. Dafür erstreckte sich vor uns ein See den ich nicht kannte. Jetzt wurde mir auch bewusst das ich keine Ahnung hatte wo wir waren, so lange sind wir doch gar nicht gefahren – oder doch?
Lena hielt den Wagen mit der Handbremse an und kümmerte sich nicht darum dass sie die halbe Wiese mitriss. Als sie ausstieg und ums Auto lief fiel mir auf dass sie wohl die ganze Zeit geredet haben musste, denn sie tat es noch immer. Aus dem Kofferraum holte sie einen prall gefüllten Müllsack und zerrte mich beim Vorbeilaufen grob aus dem Wagen. Wollte sie mich etwa ertränken? Ich dachte immer wenn sie jemanden umbrächte würde sie ihn erschlagen, sie ist so impulsiv dass Ertränken viel zu geplant schien.
Nah am Ufer gab es eine Feuerstelle. Wie eine Hexe verbrennen würde sie mich wohl nicht; oder? Sie fing an den Müllsack auszuräumen und ich sah die letzten Wochen wieder genau vor mir. Es waren Fotos von Ricky und mir, meine halbe Wohnung war damit tapeziert obwohl wir seit einem Monat kein Paar mehr waren. Es waren meine Gemälde  und Bilder mit denen ich mich erfolglos an der Kunstschule beworben hatte. Es war mein letzter Kontoauszug. Das Bett meiner verstorbenen Katze. Alles was mir weh tat lag auf dem Boden vor mir und Lena machte ein kleines Feuer und hielt mir die Fotos vor die Nase. Ich sah wie sich ihre Lippen bewegten aber hörte nichts. Ich sah nur Ricky, wie wunderschön er war, wie viel Spass wir hatten, ich sah uns beim Achterbahnfahren, beim Nacktbaden, beim Kuscheln. Ich hatte fest daran geglaubt dass er der eine sei, der den ich nie wieder aus meinem Leben lassen würde. Ich habe ihn so geliebt – ich liebte ihn noch immer.
Dann kam unser letztes Gespräch wieder hoch, wie er mir erzählte er hätte es nicht gewollt, er sei betrunken gewesen, hätte zu viel gekifft… es sei etwas einmaliges gewesen. Ich zerriss die Fotos voller Wut und schmiss sie achtlos ins Feuer. Es war so klein und unbeständig dass mir das Gefühl der Befreiung auf das ich gehofft hatte verwehrt blieb.

… das Ende der Geschichte kannst Du im Bleiwiis-Buch 2013 nachlesen.