Stefanie Sigrist – Ohne Titel

bleiwiis 2015 – 1. Preis Kat. 2

Früher, sagte meine Mutter immer, war alles anders. Die Wälder waren grösser und gesünder. Es gab mehr Tiere. Die Luft war ruhiger, der Himmel leerer und wir besassen noch Freiheit. Doch dann sind sie gekommen. Mit ihnen der Lärm, der Schmutz, die Vernichtung und das, was sie Grenzen nennen.

Früher, sagte mein Vater immer, waren wir ein freies Volk. Wir wussten damals nicht, was dieses Wort bedeutet, denn für uns gab es nichts anderes. Wir kannten keine Grenzen, kein unser Land und ihr Land. Es gab nur Wald, Wiese, Sumpf und Gebirge. Doch dann kamen sie, sperrten uns ein, umzäunten uns und erklärten, dass alles dahinter nun ihnen gehöre. Früher gab es nur wir, jetzt gibt es uns und sie.

Damals, sagte meine Grossmutter immer, hätten wir kämpfen sollen. Jedoch wussten wir nicht wieso. Wir wussten nicht, was sie uns nehmen würden, bis sie es getan hatten.

Ich sagte nie früher oder damals, denn das gab es für mich nicht. Ich wurde nach ihr geboren. Der Grenze, der grauen Mauer. Ich wohnte in unserem Land, blickte von den Bäumen über die Mauer in ihr Land. Ich sagte nie wir, kannte nur sie oder uns. Oft wünschte ich mir die Freiheit, die sie uns genommen haben, ich wünschte mir zu rennen, wohin meine Füsse mich tragen würden, wünschte Wälder, Wiese, Sumpf und Gebirge zu sehen. Nicht nur unser Land und ihr Land. Aber es ging nicht. Egal wo meine Träume begannen, sie wurden immer von der Mauer gestoppt. Der Grenze.

Mutter sagte immer, dass die, die uns die Grenzen gebracht haben, zwar Freiheit besitzen, doch nicht frei sind. Sie sagte auch immer, dass wir keine Freiheit mehr besitzen und doch immer frei sein werden. Ich begriff nie, was sie damit sagen wollte, doch eines Tages begann ich, es zu begreifen.

Sie waren gekommen. Sie sassen auf der selbst geschnitzten Bank meines Vaters und redeten mit uns. Redeten mit meinen Eltern. Ich durfte nicht dabei sein, durfte nicht hören, was sie sagten. Aber das musste ich auch nicht. Ich wusste, um was es ging: Sie waren in unser Land gekommen und wollten mich in ihr Land mitnehmen. Das war schon bei vielen so gewesen. Sie kamen und nahmen uns mit. Die Kinder. Sie erzählten etwas von einer Chance, von einem besseren Leben.

… das Ende der Geschichte kannst Du im Bleiwiis-Buch 2015 nachlesen.